Der Mythos von den gesunden Dicken ist zerstört

Auch gesunde Stoffwechsel- und Blutdruckwerte können bei starkem Übergewicht langfristig zu Herz-Kreislauf-Krankheiten führen.

Bringt man so einige Pfunde über dem Normalgewicht auf die Waage, liest man sicher gern die Geschichte, dass Übergewicht bei ansonsten guter Gesundheit nicht schädlich ist. Einer wissenschaftlichen Überprüfung hält dieser beliebte Mythos jedoch nicht stand, wie jetzt eine kanadische Studie zeigt. Die Mediziner werteten die Daten von rund 61.400 Teilnehmern aus acht großen Studien in einer Meta-Analyse aus. Geprüft wurden jeweils neben dem Gewicht und der Art des Übergewichts auch der Einfluss von Bluthochdruck, Cholesterin- und Blutzuckerwerten, die zum metabolischen Syndrom beitragen können.

Daraus können langfristig Diabetes (Typ II) und Herz-Kreislauf-Erkrankungen entstehen. In der Meta-Analyse wurde geprüft, ob Übergewichtige im Vergleich zu Normalgewichtigen ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und eine erhöhte Sterblichkeit haben. Die Ergebnisse zeigen: Das ist für stark Übergewichtige auch bei gesunden Stoffwechsel- und Blutdruckwerten zu bejahen. Da mag es kaum ein Trost sein, dass Herz-Kreislauf-Krankheiten auch bei Teilnehmern mit einem Normalgewicht häufiger auftraten, wenn ihre Stoffwechsel- oder Blutdruckwerte schlecht waren. Erfreulicher mag es für so manchen sein, dass ein moderates Übergewicht (BMI von 25 bis 30) sich nur dann negativ auf das Krankheitsrisiko auswirkte, wenn die Teilnehmer schlechte Werte beim Bluthochdruck oder in den Blutwerten hatten.

Anders sah dies beim hohen Übergewicht (Adipositas, BMI ab 30) aus. Davon sind in Deutschland knapp ein Viertel der Männer und Frauen betroffen. Bei ihnen ist die Fettleibigkeit auch bei ansonsten guter Gesundheit grundsätzlich ein belastender Faktor. Bei Adipositas entwickelten die Teilnehmer mit einem normalen Blutdruck und gesunden Blutwerten häufiger Herz-Kreislauf-Krankheiten. Sie hatten auch höhere Sterblichkeitsraten als Normalgewichtige (Risikosteigerung von 24 Prozent). Dieser Effekt zeigte sich jedoch nur bei Studien, die mehr als zehn Jahre andauerten.

Die Mediziner erklären das so: Die Fettleibigkeit wirkt sich auf den gesamten Körper und all seine Funktionen aus. Adipöse Teilnehmer, die bei Blutdruck- und Stoffwechselwerten normale Werte haben, riskieren langfristig Verschlechterungen. Sie könnten auch bei guten Werten bereits (subklinisch) erhöhte Risikofaktoren haben, die sich im Lauf der Zeit verschlechtern. Durch (noch) positive Stoffwechsel- und Blutdruckwerte könnten sich Adipöse in ihrem Lebensstil bestätigt fühlen und sich z.B. weiterhin ungesund ernähren und wenig Sport treiben. Die Autoren halten nach diesen Ergebnissen den Mythos von den stoffwechselgesunden Dicken bei Adipositas für widerlegt. Sie halten keine Form des starken Übergewichts für gesund und die Gewichtsreduktion generell für empfehlenswert.

Quelle:
Caroline K. Kramer et al., Are Metabolically Healthy Overweight and Obesity Benign Conditions?: A Systematic Review and Meta-analysis.
In: Annals of Internal Medicine Vol. 159, Nr. 11, 2013, S. 758-769. 

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