Neue Folsäure-Empfehlungen in der Kritik

Die täglichen Bedarfswerte für Folsäure wurden im letzten Jahr herabgesetzt. Das stößt auf Widerspruch bei Nährstoffmedizinern.

Folsäure trägt zu vielen Prozessen im Stoffwechsel bei. Sie ist u.a. für die gesunden Zellfunktionen und das Wachstum wichtig, und sie kann erhöhtes Homocystein senken. Vor einem Jahr senkten die deutschen, österreichischen und schweizer Ernährungsgesellschaften die täglich empfohlenen Folsäurewerte für Jugendliche und Erwachsene bis ins hohe Alter von vorher 400 Mikrogramm (mcg) Folsäure auf 300 mcg. Die bei Frauen mit Kinderwunsch und in der frühen Schwangerschaft besonders wichtige Folsäure-Aufnahme wurde ebenfalls verringert, von vorher 600 mcg auf nun 550 mcg Folsäure täglich. Für stillende Frauen wurde die Empfehlung von 600 mcg auf 450 mcg täglich reduziert.

Folsäure wird aus der Nahrung als Folat vor allem aus grünem Gemüse, z.B. Spinat und Salat, aufgenommen. Aber auch Tomaten, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse und Orangen etc. liefern reichlich Folat. Hinzu kommt, dass heute eine Reihe von Lebensmitteln (z.B. Getränke, Müslis,  Milchprodukte) mit Folsäure angereichert sind, um die Versorgung zu verbessern. Dennoch muss man davon ausgehen, dass es Menschen in allen Altersgruppen gibt, die nicht ausreichend mit Folsäure versorgt sind. Neue Analysen der Nationalen Verzehrsstudie II (2008) zeigen, dass rund die Hälfte der Deutschen täglich weniger als 200 mcg Folat aufnehmen.

Hinzu kommt, dass ein erhöhter Bedarf an Folsäure bestehen kann, sei es durch Fehlernährung, Krankheiten (z.B. Magen/Darm), Rauchen oder erhöhten Alkoholkonsum, um nur einige Ursachen zu nennen. Die mangelnde Folsäure-Versorgung kann längerfristig zu neurologischen und psychischen Störungen, zu gestörten Zellfunktionen bis zur Anämie beitragen.

Vor allem bei Frauen mit Kinderwunsch und in der frühen Schwangerschaft ist die gute Versorgung mit Folsäure sehr wichtig. Sie trägt zur Vermeidung von Fehlbildungen, vor allem des Neuraltubendefekts, beim Fötus bei. Empfohlen wird jetzt, dass Frauen beim Kinderwunsch vier Wochen vor der Konzeption mit der Einnahme von Folsäure beginnen. Nährstoffmediziner kritisieren diese Empfehlung. Sie halten sie zeitlich für die überwiegende Mehrheit der Frauen als viel zu kurz gesetzt, um im Plasma optimale Folsäurewerte zu erreichen und eventuell zu hohes Homocystein zu senken.

Frauen mit Kinderwunsch sollten generell auf eine ausreichende Folsäure-Versorgung achten und gegebenenfalls Folsäure ergänzen. Ausdrücklich wird von den Ernährungsgesellschaften schwangeren Frauen die Folsäureeinnahme nur in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft zur Vermeidung von Fehlbildungen empfohlen. Sie ist aber auch danach für die gute Entwicklung des Fötus wichtig. Wenn die ausreichende Aufnahme durch die Ernährung bei schwangeren Frauen nicht sichergestellt ist, sollte die Folsäure-Ergänzung auch im weiteren Verlauf der Schwangerschaft nach therapeutischer Empfehlung beibehalten werden.

Quelle
R. Obeid, Berthold Koletzko und Klaus Pietrzik, Critical evaluation of lowering the recommended dietary intake of folate.
In: Clinical Nutrition Vol. 33., Nr. 2, 2014, S. 252-259.

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